Vor Gericht bewährt, zwischen Sprachen auch: Mediation als zukunftsweisender Ansatz im Sprachunterricht.
Jeder Mensch ist eine eigene Welt für sich, und je mehr Menschen, desto mehr verschiedene Meinungen gibt es. Einen Konsens finden? Unterschiedliche Standpunkte so unter einen Hut bringen, dass sich niemand benachteiligt fühlt? Dazu braucht es Diplomatie zwischen den Ländern und Mediation zwischen Menschen.
Ein Beitrag von Anna Gazdik (ÖSZ)
Mediation als Vermittlung in einer Konfliktsituation hat sich bereits vor Gericht bewährt. Weniger bekannt ist, dass wir keine Ausbildung in Diplomatie oder Konfliktvermittlung brauchen, um bereits im Alltag als Mediatorinnen/Mediatoren zu agieren. In einer sprachlich heterogenen Gesellschaft ist es gang und gäbe zwischen Dialekt und Standardsprache, zwischen Erstsprache und Fremdsprache, oder zwischen Schulsprache und Herkunftssprache zu vermitteln und dabei wichtige sprachliche Ressourcen einzusetzen.
Sprachmediation bedeutet, einem deutschen Freund beim Einkauf auf dem steirischen Bauernmarkt zu helfen, für unsere Eltern auf der süditalienischen Speisekarte die passenden Gerichte auszusuchen oder unseren österreichischen Freunden einen slowenischen Film zu empfehlen und kurz zusammenzufassen. Das alles ist zweifellos eine echte intellektuelle Herausforderung: die Zielgruppe richtig einzuschätzen, die richtigen Worte zu finden, die wichtigsten Informationen herauszufiltern, weiterzugeben, zu umschreiben etc.
Aber sind das nicht auch wesentliche Fähigkeiten für ein erfolgreiches Sprachenlernen?
Auf jeden Fall! Mediation ist neben Rezeption, Produktion und Interaktion ein Schlüsselbegriff im Begleitband zum Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GeR) und betont damit die Funktion von „Sprache als soziales Handeln“. Die Förderung von Mediationskompetenz in der Schule hat nicht nur positive Auswirkungen auf das Fremdsprachenlernen, sondern auch auf den Erwerb der Unterrichtssprache!
Konzepte, die in der jeweiligen Erstsprache gut aufgebaut wurden, lassen sich relativ schnell auch ins Deutsche übertragen. Das gelingt besonders dann, wenn zweisprachige Kinder in die Rolle der Sprachmediatorinnen/Sprachmediatoren hineinwachsen können. Vor allem bei Gruppenarbeit und Literaturrecherche können die Herkunftssprachen der Schülerinnen und Schüler didaktisch gut geplant mit einbezogen werden. Soll als Endprodukt eine Präsentation in deutscher Sprache entstehen? Dies erfordert nicht nur eine rein sprachliche Mediation, sondern auch das Aushandeln von Struktur und Inhalt der Präsentation. Das gemeinsame Entwickeln von Ideen und die effektive Zusammenarbeit in einer Gruppe gehören ebenso zur Mediationskompetenz sowie die Fähigkeit, Texte zu analysieren, die wesentlichen Informationen in Form von Notizen zusammenzufassen und in ein anderes Format (Flyer, Poster, Podcast, Präsentation) zu übertragen.
So kann sich die Schule von den alltäglichen Mediationsaktivitäten inspirieren lassen und diese zielgerichtet fördern. Mehrere Perspektiven gleichzeitig zu betrachten, zu kooperieren, gemeinsame Lösungen zu finden, aus Ressourcen ein für die Zielgruppe attraktives Produkt zu schaffen – das ist es, wodurch Schule auf das Leben vorbereiten kann.
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